SIHLWALD / DIE STILLE
Kristallklarer und unaufgeregter Tagesanbruch, als ob er nicht
aufwachen wollte.
Der Wald nackt, stumm, losgelöst. Er war es gewohnt, gesehen zu werden. Nichts und niemand bewegte sich. Die heruntergefallenen Blätter im Spätsommer über die Ober-fläche verstreut bereiten das Gewebe ihres Teppichs im Herbst vor.
Der Wald nackt, stumm, losgelöst. Er war es gewohnt, gesehen zu werden. Nichts und niemand bewegte sich. Die heruntergefallenen Blätter im Spätsommer über die Ober-fläche verstreut bereiten das Gewebe ihres Teppichs im Herbst vor.
Vom Wind keine Nachrichten, anscheinend besucht er andere
Bäume. Nur das Geräusch der Spatzen, der Gesang der
Kohlmeisen und Amseln oder das Flattern einiger Tauben
skizzierten den schüchternen Versuch eines Chors.
Ich dachte für einen Moment über die Möglichkeit nach, nicht in
der Lage zu sein, das leise Flüstern des Waldes zu hören, das
zerbrechliche Schwingen der eigenen Schwerkraft; eine
unerwünschte Abwesenheit, so schmerzhaft als ob wir auch den
Klang der Meereswellen nicht hören könnten, wenn sie sich
brechen und sich zerreissen, um sich dann in einer neuen Welle,
die später erscheint, zusammenzuschliessen, das Nichts und das
Alles ihrer eigenen Welt vorwärtstreibend.
Ebbe und Flut, die mit dem Mond zusammen ein folgsames und
kräfiges Idyll bilden, eine eintönige und auch stürmische
Beziehung pflegen. Der Mond und der Wind an seinem
Scheitelpunkt leben mit dem Wald und dem Meer in einer
Symbiose von Anziehung und Abstossung; Ablehnung und
Bedarf, gleichzeitig. Ein Wechselspiel ähnlich demjenigen der
Menschen. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass wir eine
Legierung aus all diesen Elementen sind: Holz, Erde, Feuer,
Metall und Wasser.
Ich habe meine Schritte nicht mehr gehört auf dem gepolsterten
und weichen Boden, der sie mit Hingabe zum Schweigen brachte.
Meine Beine wiegten sich wie ein Ruderboot, ohne Dringlichkeit
das Wasser zu durchfurchen. Weiter oben pumpte mein Herz ruhig
und rhythmisch und bewegte meinen Körper zu den Höhen des
Berges, wie eine schaukelnde Gondel, die der Schwerkraft ihres
Untergrunds trotzt. Ich stieg wie ein Ballon auf, alles sank nach
unten: Landschaft, Bäume, Blätter, Vögel, Felsen, die
ausgerissenen und umgelegten Baumstämme lagen da, als
verzierten sie den Wald.
Mein Aufstieg zum Gipfel ging weiter wie in Trance, der Atem
ungehemmt in seiner Symmetrie, wie ein Kinderchor, der seine
Lieblingsmelodie wiederholt. Der Sauerstoff durchströmte jeden
Winkel meiner vom Aufstieg geöffneten, freien und entrückten
Lungen.
Diese anderthalb Stunden fühlte ich, wie seit langer Zeit nicht
mehr, die Worte von Arto Pasilina:
„Das Schweigen beruhigt, und es ist wie ein Fest.“
„Das Schweigen beruhigt, und es ist wie ein Fest.“
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