Mittwoch, 6. Januar 2016


SIHLWALD / DIE STILLE 




Kristallklarer und unaufgeregter Tagesanbruch, als ob er nicht aufwachen wollte.
Der Wald nackt, stumm, losgelöst. Er war es gewohnt, gesehen zu werden. Nichts und niemand bewegte sich. Die heruntergefallenen Blätter im Spätsommer über die Ober-fläche verstreut bereiten das Gewebe ihres Teppichs im Herbst vor.

Vom Wind keine Nachrichten, anscheinend besucht er andere Bäume. Nur das Geräusch der Spatzen, der Gesang der Kohlmeisen und Amseln oder das Flattern einiger Tauben skizzierten den schüchternen Versuch eines Chors. 


Ich dachte für einen Moment über die Möglichkeit nach, nicht in der Lage zu sein, das leise Flüstern des Waldes zu hören, das zerbrechliche Schwingen der eigenen Schwerkraft; eine unerwünschte Abwesenheit, so schmerzhaft als ob wir auch den Klang der Meereswellen nicht hören könnten, wenn sie sich brechen und sich zerreissen, um sich dann in einer neuen Welle, die später erscheint, zusammenzuschliessen, das Nichts und das Alles ihrer eigenen Welt vorwärtstreibend. 


Ebbe und Flut, die mit dem Mond zusammen ein folgsames und kräfiges Idyll bilden, eine eintönige und auch stürmische Beziehung pflegen. Der Mond und der Wind an seinem Scheitelpunkt leben mit dem Wald und dem Meer in einer Symbiose von Anziehung und Abstossung; Ablehnung und Bedarf, gleichzeitig. Ein Wechselspiel ähnlich demjenigen der Menschen. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass wir eine Legierung aus all diesen Elementen sind: Holz, Erde, Feuer, Metall und Wasser. 




Ich habe meine Schritte nicht mehr gehört auf dem gepolsterten und weichen Boden, der sie mit Hingabe zum Schweigen brachte. Meine Beine wiegten sich wie ein Ruderboot, ohne Dringlichkeit das Wasser zu durchfurchen. Weiter oben pumpte mein Herz ruhig und rhythmisch und bewegte meinen Körper zu den Höhen des Berges, wie eine schaukelnde Gondel, die der Schwerkraft ihres Untergrunds trotzt. Ich stieg wie ein Ballon auf, alles sank nach unten: Landschaft, Bäume, Blätter, Vögel, Felsen, die ausgerissenen und umgelegten Baumstämme lagen da, als verzierten sie den Wald. 


Mein Aufstieg zum Gipfel ging weiter wie in Trance, der Atem ungehemmt in seiner Symmetrie, wie ein Kinderchor, der seine Lieblingsmelodie wiederholt. Der Sauerstoff durchströmte jeden Winkel meiner vom Aufstieg geöffneten, freien und entrückten Lungen. 


Diese anderthalb Stunden fühlte ich, wie seit langer Zeit nicht mehr, die Worte von Arto Pasilina:
„Das Schweigen beruhigt, und es ist wie ein Fest.“ 



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