Dienstag, 8. Dezember 2015


EINSAMKEITEN 


    „Sind wir allein in dieser Galaxie oder gibt es auch andere? Gibt es das Jenseits? Und die Wiedergeburt?“ 

Diese und andere Fragen mehr warf das satirische Musical der galizischen Band „Siniestro Total“ (Totalschaden) zu Beginn der 1980er Jahre auf und folgte damit den Fragen des Bildes von Paul Gauguin „Wer sind wir? Woher kommen wir? und Wohin gehen wir?“, das dieser im Dezember 1897 während seines Aufenthalts in Tahiti zwischen Euphorie und Depression gemalt hatte.
Fragen, die man sich – wie „Siniestro Total“ und die halbe Welt – stellt.
Eine aktualisierte Version dieser Frage würde lauten:
Sind wir uns näher gekommen oder sind wir einsamer als vor 30 Jahren? 


Wenn wir im Internet surfen, können wir fast alles betrachten: Das Zimmer des Hotels, in dem wir nächtigen werden. Die Mücken des Strandes, an dem wir uns in digitaler Gymnastik üben werden, das iPhone in Händen, am Wasser, ohne uns nass zu machen. Das Honiggesicht der kleinen Nichte aus Miami, die uns einen 7000 Gigabyte schweren Kuss über-mittelt. Den aktuellen Stand wichtiger Forschung. Die neusten Produkte. Die undenkbare neue Heirat des George Clooney. Die Discovideos von Youtube, an denen wir uns ergötzen können, ohne von zu Hause wegzugehen. Die Tritte der Mächtigen, den Schutzlosen versetzt. Die aus strategischen Interessen hervorgehenden Konflikte. Der Verkauf von Waffen und noch mehr Waffen. Fanatismus. Religiöse Manipulation. Die letzte Unterredung von Raúl Castro und Obama oder das neue Aussehen von Britney Spears. 

Das Internet hat ein begieriges Lernverhalten und den Informationshunger geweckt. Eine Art stressiger Zeitvertreib. Etwa so unterschiedlich wie hausgemachte Gerichte oder industriell gefertigtes Essen. Die digitale Technologie hat den Handlungsspielraum des Lebens enorm erweitert und hat zu einem sehr viel breiteren Konzept von Effizienz beigetragen, aber es hat uns nicht sozialverträglicher gemacht und uns auch nicht von der Vereinsamung befreit. Wie sagt doch Umberto Eco: „Internet könnte die Einsamkeit aufheben, aber es zeigt sich, dass es sie multipliziert.“ 

Viele moderne Produkte, die durch betrügerische Werbung infiziert sind und die bewusst exklusiv, glanzvoll und positiv verpackt werden, führen zu Suchtverhalten, zur Vergiftung und zu sekundären Effekten, bei einigen könnte man sogar von Primäreffekten sprechen. In Asien und den USA gibt es seit vielen Jahren bereits Zentren für die Entwöhnung von der Internetsucht. Die Fragen häufen sich, haben wir festgestellt: Näher oder weiter weg? Mehr oder weniger einsam? 

Ist es möglich, virtuelle und nicht virtuelle Kommunikation miteinander verträglich zu machen? Sind wir fähig, auf dieser Erde zu leben und Verhaltensweisen in Einklang mit dem biologischen Gleichgewicht zu bringen? Sind wir in der Lage, die Manipulationen an unserem Elend oder unserem Glück zu vermeiden?
Oder sind wir eine Schafherde mit eingeschleusten Wölfen und Füchsen, die uns zum Abgrund führen? 

Der gegenwärtige Kurs der Welt öffnet das Gefrierfach meines Pessimismus. Wenn das Problem des Hungers, der Ungleichheit und der Armut bis heute nicht gelöst wurden: Wer kann sich da noch ausmalen, die Technologie zu demokratisieren? Meine Hoffnung ist schon seit langem ermattet und meine Wut in einem Feuer aufgezehrt. 





























Ich würde den Gebrauch digitaler Systeme an die grundsätzliche Funktionsfähigkeit eines gemeinschaftlichen Wohlstands festmachen – Aktivitäten von Unternehmen und Dienstleistungsbetrieben, Technologie und Mobilität, Waren- und Gütertransfer, Funktionieren staatlicher Einrichtungen im Gesundheitswesen, Transport und Kommunikation, Bildung, Forschung, Handel und Tourismus, Zusammenarbeit und Entwicklung – grundlegende Fundamente einer Gesellschaft. Ich würde alle Rechner, iPads, iPhones und den Rest des privat genutzten Ramsches wegwerfen und wir würden ein neues Lichtspiel aufführen. In Unterhosen, so wie Jesus Christus auf dem Kreuzweg. 

Um uns schon daran zu gewöhnen, plädiere ich dafür, einen weltweiten Kollaps herbeizuführen durch einen natürlichen, synchronisierten Vulkanausbruch, der das Netz lahmlegt, uns von der schönen Wolke auf den Boden herunterholt. Jene Wolke, der wir fast jeden Tag begegnen ohne sie wahrzunehmen oder zu berühren. 

Mögen Sie sich noch an den Eyjafjallajökull erinnern? 


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