Mittwoch, 9. Dezember 2015


GEGEN DIE UHR

    Sie hatte mit Nostalgie viele Verflossene verschwinden gesehen. Jetzt verfolgt sie sehnsüchtig das Leben wie eine Melodie über den Äther mit der Hoffnung, ein unbewohntes Herz zu finden. Sie hat in vielen Zeitungen, Chats, Clubs gesucht.
Eines Tages, in dieser Reise gegen die Zeit, fühlte sie eine plötzliche unwillkürliche Berührung einer anderen geistesabwesenden Person, die ohne Eile wartete, wie sie selber. Die beiden dort mitten auf dem Bellevueplatz klammerten sich an die Stange der Haltestelle, ohne den Drang, ein Tram zu betreten oder zu verlassen. Von dort reiste das Flussbett einer neuen Liebe ab, die Strömung, die Punkte, Kommas und Fragezeichen überflutet.
Aus diesem unerwarteten Zufall erhob sich, wie eine prächtige Sommersonne, ein Lied der Zukunft. 


TRAUM 

Die Kälte schiebt mich in deine Höhle
wo das Zittern meines Schluchzens sich schützt

Das Feuer deiner Netzhaut umarmt meine Ängste
und Rauch reinigt die Rätsel 

Du hast ein Bett zwischen deine Beine gemacht
um meine Träume zu wiegen

Ich wache auf der Wiese deiner Hände
die gleichen, die die Falten der Betttücher glätten

die Gartenerde rühren
und das Gähnen der Pflanzen streicheln 


Ich atme die Poren deiner Haut, eingebettet,
und ernähre mich aus der Seele deiner Kritzeleien 





STILLE, FAST 

    Ich gehe die Strasse entlang, sehe niemanden, keine Fussgänger, keine Autos, auch die Blätter der Bäume rauschen nicht so sanft wie gewohnt. Solche Ruhe ist erstaunlich. Bin ich von dieser Welt gegangen und in eine andere gelangt? Ich fasse das Verkehrsignal an, es ist aus Metall, es ist real, es existiert. Ich nehme den Weg entlang des Baches, beobachte die auf der Wiese liegenden Schafe. Auf dem Bauernhof ist niemand an der Arbeit, der Hund wacht nicht vor dem Haus. Ich betrete den Wald, nur der anmutige Flug eines Grünfinks begleitet die universelle Stille. Ich verstehe nichts, das spielt aber keine Rolle, ich empfinde eine tiefe Ekstase. Plötzlich erschreckt mich ein lästiger Pfiff. Verdammenswerte Grausamkeit! Ein so ehrwürdiger Tag ohne Menschen wird durch das Schrillen eines verdammten Weckers zerstört. 






























AUF DER STRASSE 

Ich sah dich gestern
zwischen den Wänden einer stimmlosen Stadt

ermüdet vom Kreischen der Autos 

verloren und hilflos bist du gegangen
am Rande deiner gefangenen Essenz 

barfuss
schenktest du deine Blösse dem Gehweg


in der Hand hieltest du
den blauen Flügel eines Schmetterlings 




IM KINO (für „Look Both Ways“ von Sara Watt)

Ich sah dich gestern
im Leben spazieren und den Tod verscheuchen

parfümiert von ergreifendem Duft
wohnhaft in überwältigenden Leidenschaften

in der Rafinesse unbewusster Gesten
der faszinierenden Sprache des Sonetts 


Ich sah dich gestern an und ging nach Hause mit dir. 




DIE HÄRTESTE DROGE 

    Neo-Junkies tragen keine zerlumpten Kleider, noch betteln sie nach Münzen für die nächste Spritze – sie haben keine Notwendigkeit, Wut oder Dankbarkeit mitzuteilen. Auch wenn einige Designerdrogen den Sturm der nächtlichen Partys überleben, das System braucht die Verteilung von harten Drogen nicht mehr. Die Technologie hat die ideale Lösung zur Verfügung gestellt.
Neo-Junkies schreien nicht, schauen niemanden an. Sie sind gut gekleidet wie Laufstegmodels – beäugen ständig ihre Silhouette in der Spiegelung der Fenster von Zügen und Schaufenstern. Neo- Junkies sind ewig am Smartphone angeschlossen, wie Kranke im Endstandium an der Maschine, die sie am Leben hält. Verlieren sie das Gerät, kollabieren sie.

Der Fall eines Heroinsüchtigen war viel langsamer. In der Härte dieser höllischen Qualen konnte man immer noch letzte Spuren einer erschöpften Menschheit erkennen.
Wenn einer aus dieser jungen neuen Generation zu fallen beginnt, stelle ich mir einen plötzlichen Sturz vor, ein trockenes Geräusch, wie wenn ein Strohballen aufs Trottoir fällt. Niemand wird etwas bemerken, niemand wird etwas gehört haben.



Dienstag, 8. Dezember 2015


DIE ISOLIERUNG 

    So viele neue Webseiten, Links, Portale, Fenster, Agenturen, ausserhalb und innerhalb des Netzwerks. So heiss ist die Temperatur auf dem Planeten, die Erde schmilzt, und doch wird es im Inneren der Menschen immer kälter. Jeden Tag gibt es mehr Menschen, die an Frostigkeit oder Einsamkeit leiden. „Verängstigte Menschen“, wie der Schriftsteller Fernando Vallejo sagt. 



EINSAMKEITEN 


    „Sind wir allein in dieser Galaxie oder gibt es auch andere? Gibt es das Jenseits? Und die Wiedergeburt?“ 

Diese und andere Fragen mehr warf das satirische Musical der galizischen Band „Siniestro Total“ (Totalschaden) zu Beginn der 1980er Jahre auf und folgte damit den Fragen des Bildes von Paul Gauguin „Wer sind wir? Woher kommen wir? und Wohin gehen wir?“, das dieser im Dezember 1897 während seines Aufenthalts in Tahiti zwischen Euphorie und Depression gemalt hatte.
Fragen, die man sich – wie „Siniestro Total“ und die halbe Welt – stellt.
Eine aktualisierte Version dieser Frage würde lauten:
Sind wir uns näher gekommen oder sind wir einsamer als vor 30 Jahren? 


Wenn wir im Internet surfen, können wir fast alles betrachten: Das Zimmer des Hotels, in dem wir nächtigen werden. Die Mücken des Strandes, an dem wir uns in digitaler Gymnastik üben werden, das iPhone in Händen, am Wasser, ohne uns nass zu machen. Das Honiggesicht der kleinen Nichte aus Miami, die uns einen 7000 Gigabyte schweren Kuss über-mittelt. Den aktuellen Stand wichtiger Forschung. Die neusten Produkte. Die undenkbare neue Heirat des George Clooney. Die Discovideos von Youtube, an denen wir uns ergötzen können, ohne von zu Hause wegzugehen. Die Tritte der Mächtigen, den Schutzlosen versetzt. Die aus strategischen Interessen hervorgehenden Konflikte. Der Verkauf von Waffen und noch mehr Waffen. Fanatismus. Religiöse Manipulation. Die letzte Unterredung von Raúl Castro und Obama oder das neue Aussehen von Britney Spears. 

Das Internet hat ein begieriges Lernverhalten und den Informationshunger geweckt. Eine Art stressiger Zeitvertreib. Etwa so unterschiedlich wie hausgemachte Gerichte oder industriell gefertigtes Essen. Die digitale Technologie hat den Handlungsspielraum des Lebens enorm erweitert und hat zu einem sehr viel breiteren Konzept von Effizienz beigetragen, aber es hat uns nicht sozialverträglicher gemacht und uns auch nicht von der Vereinsamung befreit. Wie sagt doch Umberto Eco: „Internet könnte die Einsamkeit aufheben, aber es zeigt sich, dass es sie multipliziert.“ 

Viele moderne Produkte, die durch betrügerische Werbung infiziert sind und die bewusst exklusiv, glanzvoll und positiv verpackt werden, führen zu Suchtverhalten, zur Vergiftung und zu sekundären Effekten, bei einigen könnte man sogar von Primäreffekten sprechen. In Asien und den USA gibt es seit vielen Jahren bereits Zentren für die Entwöhnung von der Internetsucht. Die Fragen häufen sich, haben wir festgestellt: Näher oder weiter weg? Mehr oder weniger einsam? 

Ist es möglich, virtuelle und nicht virtuelle Kommunikation miteinander verträglich zu machen? Sind wir fähig, auf dieser Erde zu leben und Verhaltensweisen in Einklang mit dem biologischen Gleichgewicht zu bringen? Sind wir in der Lage, die Manipulationen an unserem Elend oder unserem Glück zu vermeiden?
Oder sind wir eine Schafherde mit eingeschleusten Wölfen und Füchsen, die uns zum Abgrund führen? 

Der gegenwärtige Kurs der Welt öffnet das Gefrierfach meines Pessimismus. Wenn das Problem des Hungers, der Ungleichheit und der Armut bis heute nicht gelöst wurden: Wer kann sich da noch ausmalen, die Technologie zu demokratisieren? Meine Hoffnung ist schon seit langem ermattet und meine Wut in einem Feuer aufgezehrt. 





























Ich würde den Gebrauch digitaler Systeme an die grundsätzliche Funktionsfähigkeit eines gemeinschaftlichen Wohlstands festmachen – Aktivitäten von Unternehmen und Dienstleistungsbetrieben, Technologie und Mobilität, Waren- und Gütertransfer, Funktionieren staatlicher Einrichtungen im Gesundheitswesen, Transport und Kommunikation, Bildung, Forschung, Handel und Tourismus, Zusammenarbeit und Entwicklung – grundlegende Fundamente einer Gesellschaft. Ich würde alle Rechner, iPads, iPhones und den Rest des privat genutzten Ramsches wegwerfen und wir würden ein neues Lichtspiel aufführen. In Unterhosen, so wie Jesus Christus auf dem Kreuzweg. 

Um uns schon daran zu gewöhnen, plädiere ich dafür, einen weltweiten Kollaps herbeizuführen durch einen natürlichen, synchronisierten Vulkanausbruch, der das Netz lahmlegt, uns von der schönen Wolke auf den Boden herunterholt. Jene Wolke, der wir fast jeden Tag begegnen ohne sie wahrzunehmen oder zu berühren. 

Mögen Sie sich noch an den Eyjafjallajökull erinnern? 



ERFINDUNGEN 

    Jene, die Rad, Telefon, Fernseher oder das Internet erfanden, sind bewundernswerte Leute. Eine Mischung aus Talent, Genialität und Fortschrittsglauben. Jenen, der das Rad erfand, ein Unbekannter aus dem Mesopotamien vor 7000 Jahren, leitete die Faulheit, wie dies Roberto Fontanarosa feststellte. Er weigerte sich, weiterhin zu schieben – so etwas von klar! Antonio Meucci, der Erfinder des „Teletrofon“, wie das Gerät ursprünglich hiess, war der Treppe überdrüssig, die in den zweiten Stock zu seiner an akutem Rheuma leidenden Frau führte. 

John Baird mit dem Fernseher und die anderen, an der Entwicklung des Internets Beteiligten bis zu denen der Gegenwart machen es uns schwerer. Niemand glaubte an das, was sich anbahnte. Niemand hinterliess eine Anleitung für Vorsorge oder Verhütung. Denn wie sollte eine solche aussehen? Die Vorteile, die wir dadurch erhielten, lösten grosse Erwartungen ein und erleichterten 35% der Menschheit den Alltag. Zugleich haben die Probleme und Konflikte um die Abhängigkeit von und die Unterwürfigkeit gegenüber diesen Spielzeugen uns nur Kopfzerbrechen beschert. 

Es bleiben drei leidige Fragen offen: Was macht man mit den 65% der Menschheit, die keinen Zugang dazu haben? Was soll mit dem Abfall, was mit seinen Kollateralschäden geschehen? 



ANDÄCHTIG

    Viel zu viele tragen ein Kondom auf der Zunge, nicht etwa um eine neue Technik der Liebe zu erproben oder göttliche Wonnen zu erfahren, sondern bedauerlicherweise, damit nichts von einem solch berüchtigten Gliede niedertröpfle. Allzu viele wickeln ihr Herz in einen Plastikbeutel und besänftigen ihre Ängste vor den Schaufensterscheiben. Die Lichter der Stadt schmücken diese Einsamkeit. Der Kühlschrank mildert die Herzlosigkeit des Geistes und die Möbel tapezieren das Verschollene. Sie leben in der Rinde des Lärms und schützen sich vor der Panik der Stille. Eigentlich bemerken sie nichts von alledem, obschon die Welt sie unweigerlich braucht. 





ENDE DES TAGES 

Auf dem Bahnsteig stehend
beobachtest du das mechanische Verhalten

von Hunderten von Menschen,
ernst, düster, schweigsam,
wie disziplinierte Soldaten,
warten sie auf den Zug,
verbarrikadiert zwischen ihren Kopfhörern. 


Jeder glaubt, dass er anders ist,
alle suchen einen Einzelsitzplatz,
als ob Abstand und Raum
in der Lage wären,
die Gleichgültigkeit zu beschwichtigen. 


Endlich kommt der Zug an deine Haltestelle,
du berührst den Knopf, der die Türen öffnet,
du wendest dich mit einem letzten Seufzer der Hoffnung,

aber niemand hat seine Augen vom iPhone gehoben,
nicht mal um das geniale Öffnen und Schliessen
der Türen zu beachten,
die Türen dieses wertvollen architektonischen Gefängnisses

mit der Ästhetik der modernen Bahn. 




ZWEITES KAPITEL:  DIE SCHÖNHEIT DER KOMMUNIKATION

UND ANDERE PRÄCHTIGE DINGE 


RACHE 

    Er stand mitten in der Nacht auf und sammelte alle notwendigen Instrumentarien, die er im Untergeschoss bereit gestellt hatte. Er ging schnell und heimlich, klopfte an die Tür seines Freundes Matthäus. Zusammen machten sie sich auf den Weg zur Kirche. Sie schraubten geschickt und schnell die Glocke ab, verluden sie auf einem Wagen und verliessen das Dorf über ein Strässchen.
Der Glockenschlags wird den Schlaf der Einheimischen nicht mehr quälen. Der dickköpfige Priester wird sein Spielzeug vermissen. Die Menschen haben das Recht auf Erholung.
Die Glocke auch. 




WEG 


Wenn es Zeit ist zu gehen, dann werden wir gehen.

Wenn es Zeit ist etwas zu ändern, werden wir es ändern.

Wenn wir alleine bleiben, werden wir auch alleine aufbrechen,

des Nachts, um einen anderen Brunnen zu finden.

Der Durst wird uns den Weg weisen. 






DELIRIUM 

Es gibt eine bezaubernde Strophe in deinen Augen
die Pracht eines babylonischen Ozeans 

Mein Vers verdünnt sich in deinem kristallklaren Lächeln
Mein Kuss, schiffbrüchig, sucht das unerreichbare Ufer
deiner Lippen 



YING UND YANG 

Es gibt Beziehungen, die eine Qual sind,
ein Kreuzweg, der nie begonnen werden sollte.
Andere fliessen wie der Schleim von Kindern,
die so sanft und grosszügig sind, dass sie geteilt werden könnten. 


Es gibt leidenschaftliche Männer, die sehr schnell die Zeichen der
Zuneigung erkennen.
Andere, kreative, die mit einem bewundernswerten Sinn für den

Wandel bemerkenswerte Entdeckungen machen. 

Es gibt eine weitere Art von ihnen, störrisch und destruktiv,
es scheint, sie wurden in den Flammen eines Feuers geboren.
So war es! Einige werden dorthin zurückkehren und leider
einige unglückliche Opfer mitreissen. 

Es gibt zärtliche, fesselnde, bezaubernde, wahnhafte Frauen,
Quelle des Lebens und überschäumender Fluss der Liebe,
so wunderbar, dass man drei Leben mit ihnen verbringen könnte. 


Andere sind wie der Himmel am Vorabend eines Hurrikans.
Der richtige Zeitpunkt, um alleine spazieren zu gehen und
die mit dem Wind spielenden Schwalben zu beobachten
oder den Schwarm fliegender Stare, der die Sonne halbiert
vor dem strömenden Regen des Sturms. 

Es gibt Tage, die ein rasches Ende erbitten und nie wieder
erwachen sollen.
Andere, die wir anflehen, wie eine wundertätige Madonna,

auf dass sie nie zu Ende gehen. 



KOMPOST 


Ich bin alles, was du nie erwähntest
 
nur ein schwacher und verwaister Ausdruck deiner Peripherie

die Reste der im Kühlschrank vergessenen Äpfel
 

alle Vorwürfe, die du mir machtest
 

und einige mehr, die ich nicht mehr anhören wollte.
 

Ich bin die Lampe, die du nie mochtest. 



Und auch so, barfuss, gehe ich durch deinen Ruhm
 

Du schenkst mir jede Woche Paradiese
 

In der nächsten wirst du mir wieder alle entreissen
 

Ich bin auf deinen Fotos das Schönste und das Hässlichste:

Esel, Kleiderbügel, Regenmantel und Babyrassel. 



Ich bin in der bodenlosen Box deiner Gleichgültigkeit

die Zigarette, die du auf dem Trottoir auslöschtest
 

die Biographie eines schlechten Konzepts
 

Ich behalte noch immer deine Tränen im Kühlschrank

und manchmal zeigst du dich zwischen meinen Träumen

denn ich bin Teil deines Schattens und deiner Erzählung. 



Diffuse Gleichung, eiserner Vorhang
 

der Pythagoras deiner Hypotenuse
 

der Kompass, der deine Geometrie öffnet

Wolke, Regenschirm, Hund und Polizist

Pornographie deiner Physiologie. 



Obwohl die Distanz, die uns trennt so weit wie eine Wüste ist

bin ich noch immer der Mittelpunkt deines Atems
 

Teil deiner unvermeidlichen Geschichte
 

ein Epizentrum der Emotion und Nähe

der schwimmenden Rippe deiner Anatomie. 






LEICHT 

Der Hauch von einen Traum streichelt deine Sinne
nun geniesst die Seele einen leichten Flug
wie ein hellbraunes Blatt im Herbst
das seinen Rumpf sanft auf das Flussbett schwingt 


Am Ufer schlafend auf dem grünen Moos
erstreckt sich dein Lächeln wie die Haut eines Apfels

Der Tau löst begeistert seine Tränen
vor einer ganzen Weile verschwand die Lethargie 

























  
BERÜCKT

Auf dem Dachboden meiner Stimmung sitzt ein Kachelofen
der auf deine gefrorenen Hände wartet 

Ich sehe dein Lächeln, aufgerollt in meinen Armen
deine Taille auf dem Sofa, hingelegt 

Meine gestreichelten Zweifel
und ein paar deiner Leukozyten ruhen auf dem Gewebe 





NÄCHTLICHER AUSGANG 


An Rand deines Herzschlags wartet ein Zug

der dich zu einem anderen Körper fahren wird

dorthin, wo die Liebe schläft 


Im Spiegel deiner Lippen reflektiert das Begehren

das die Bewunderung des Geliebten wecken wird 


Dieses Sturmzittern, das zwischen deine Küsse rutscht

während deine Absätze das Gewicht deiner Zweifel halten 


Die Flamme der Begierde

die die Erinnerung des Körpers bewahrt


dringt voran, wie ein unaufhaltsames Feuer 



















In der Stille der Nacht schläft das Wort

das die Erinnerung der Seele hält

erschöpft und glücklich 





LINKA 

Linka ging durch die Langstrasse
als wäre sie ein bewegliches Schaufenster
zeigte ihren unbeugsamen Körper, ein Wellenbrecher

trotzt der anstössigen und unmenschlichen Welt 

Weggeworfene Blume der Ungarischen Felder
ausgestreckter Körper auf dem Bett einer billigen Absteige
glänzender Satellit im Schein der Strassenbeleuchtung
das drohende Rad der Zeit auf der Lauer 


Ungeachtet der Abgase des Verkehrs
belästigender Angst im Bauch
den Geist vertieft in ihrer Utopie

bewegte sie ihre Hüften majestätisch
mit dem Hauch einer neuen Essenz
wie der frische Duft eines Parfüms
flüchtiger Augenblick des Glücks 

Das starke Karmin ihrer Lippen
brennt wie eine Flamme voller Lust
ihre Überlegenheit gegenüber Verachtung

in der Dürre der Unterwürfigkeit
im Herzen der Helvetia 




POST

Zwei Tränen
rinnen
trübsinnig
durch das ausgehöhlte Herz

eines Mails

Sie reisen
komprimiert
durch den Pfad
einer flüchtigen
digitalen Blässe 

In der Hoffnung
unsterblich zu werden
in der versteckten Barmherzigkeit

einer Festplatte 



TRÄUME MALEN 

Ich zeichne einen Traum
zerstreue mein Gedächtnis
wässere meine Knochen
brenne meine Schatten 

Ich fädle meine berauschten und
vagabundierenden Gedanken ein
läutere Schmerzen
Spuren dieser Welt 


Ich male einen Traum
in Richtung deines Herzens
der Sternenpfad führt meine Schritte

die Sonne begleitet meine Seele 

Ich teile drei Wünsche
in Prosa geschmiedet:
einer schläft auf deiner Brust
einer leuchtet in deinen Augen
der dritte schwimmt in deinem Mund 


Jetzt sind wir schon ein Traum
die Noten eines Gesangs
der Körper eines Drachens
mit zwei silbrigen Flügeln

fliegen wir über das Meer 





NIMM 

Ich gebe dir einen Stern
eine Silbe der Sonne
gemeinsamen Atem
den Umriss meiner Stimme 


Ich gebe dir eine Idee
die auf Wellen reitet
einen salzigen Traum
von Meeresmuscheln 

Ich gebe dir meinen Herzschlag
während ich an dich denke
in jedem Satz
meine fliegenden Wörte


Ich gebe dir einen Spiegel
damit du sie beobachtest
all die Liebe
die dir gehört 



ANKUNFT 

Die Wörter, sie fliegen und landen
wie die überwältigende Rundung einer Umarmung

ohne Zeit und Raum für die Ratlosigkeit.

So wie der erste Moment einer Teenager-Liebe
das erstaunte Morgengrauen entkleidet.

Der Satz ruht im Abbild einer Flause
wie zwei Körper, allnächtlich ineinander verschlungen

bevor sie unmerklich einschlafen.

Dein Mund versucht vergeblich
die Substanz meiner Sehnsucht zu erahnen

und ich, als Schiffbrüchiger deiner Rätsel
hänge wie ein Buchstabe

am Alphabet deiner Lippen 


BEGINN 

Er liess die Hand frei 
sah sie fallen 
wie ein Fels, der vom Berg absplittert


Enstanden ist der Punkt der Strich
die Null 
das Viereck
die Zeile 
die Sonne 
und das Haus 


Er begann zu schreiben, 
mit der Leichtigkeit von Stroh, das im Wind aufsteigt


Da zeigte sich die Silbe 
das Blatt
das Heft 
das Papier
ein Vers aus Holz 
ein konjugierter Baum. 


INHALTSVERZEICHNIS

Beginn  

Die Schönheit der Kommunikation und andere prächtige Dinge  

In der Dose 

Lyrische Natur 

Liebe und Begehren 

Reisen, Hypochondrie, Latinoamericando, Erzählungen 

Kurzgeschichten – das Leben in 24 Anekdoten 

Hemmungslosigkeit, Uneinigkeit, Dilemma 

Sonamares – Buch der Liebe

VORWORT 

„Schmetterlinge verfolgen“ hat es mir erlaubt, mich ein bisschen mehr zu diesem ersehnten ureigenen Ort anzunähern, in dem wir uns gerne öfter aufhalten möchten, der sich in Wirklichkeit aber meistens – aus verschiedenen Gründen – mehr von unserer Umlaufbahn entfernt als wir es uns wünschen.

Der Inhalt meiner Geschichten, der Geist, den sie übermitteln möchten, hat mich dazu gebracht, verschiedene literarische Gattungen zu verwenden: kurze und weniger kurze Erzählungen, Berichte, Anekdoten und Gedichte; viele Gedichte, die im ganzen Buch immerfort spriessen – wie Blumen im Frühjahr. Gedichte mit sehr unterschiedlichen Stilen und Strukturen.
Ich wollte mich von Erzählgewohnheiten und Themeneinheiten – die in ein Korsett zwängen und die Kreativität und den Fluss der Erzählung einengen – befreien.
In „Schmetterlinge verfolgen“ habe ich die Gelegenheit, mich in ein breites Spektrum von Figuren zu verwandeln: vom Polit- und Sozialkritiker, Komiker, Kriminalisten, Prediger, Visionär bis zum Beobachter, Nomaden, Reisenden oder Gesprächspartner von Pflanzen und Tieren. 


Obwohl dieses Buch auf den ersten Blick den Anschein erwecken kann, es sei atypisch, habe ich es absichtlich so zusammen- gewürfelt komponiert – wie es in der Regel unser Alltag, so effektiv wie chaotisch, ebenso ist. 

Es sind Reflexionen fast eines Jahrzehnts, eine Form, uns selbst und das Geschehen der Welt zu betrachten. Eine Welt, die ich mit kritischem Blick hinterfrage. Ein Antagonismus von Evolution und Rückschritt, in dem alles mit erstaunlicher Leichtigkeit ineinander verstrickt ist, trägt viele Leute in eine Richtung, die sie sich nicht vorgestellt haben. Eine eilige Welt, in der Zeit gespart wird, aber dann doch nie vorhanden ist.

„Schmetterlinge verfolgen“ ist nicht nur das, es ist viel mehr: es enthält Melancholie, Sarkasmus, Fantasie, Natur und Liebe, viel Liebe. 

Tritt ein in dieses Mosaik und lass dich mitreissen. Begehe die Wege der Empörung, Traurigkeit oder Reflexion. Fühle das Pochen der Natur, erlebe den Geist und die Anatomie der Reise. Tauche mit mir in einen Ozean von zarten, ironischen, träumerischen und leidenschaftlichen Gedichten ein.

Javier Gutiérrez García
Zürich, 9. August 2015



© Javier Gutiérrez García Zürich 2015

Erste Auflage: September 2015


© Navaja Bolsillo Verlag Ausserdorfstr.18
8052 Zürich


ISBN: 3-9521675-4-1

Umschlaggestaltung und Layout: Franziska Harder

Übersetzungen aus dem Spanischen:
Javier Gutiérrez, Franziska Harder, Regina Vogel, Marcos Buser


Lektorat: Josef Vogel

Printed in Deutschland
Kein Teil dieses Werkes darf ohne schriftliche Genehmigung des Autors in irgendeiner Form reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
SCHMETTERLINGE VERFOLGEN

Freitag, 28. August 2015


ANFANG – SEITE 1 

Ich wurde in Reinosa – Kantabrien (Nordspanien) geboren und verbrachte da die ersten neun Jahre meiner Kindheit. Bis ich 21 Jahre alt war, wuchs und lebte ich in Madrid. Im Jahr 1980 wanderte ich nach Zürich (Schweiz) aus, wo ich seither wohne. Ich schreibe Gedichte, Geschichten, Berichte, Anekdoten... und versuche, zu interagieren, Gefühle, Stimmungen und Gedanken in Poesie umzuwandeln und gleichzeitig meine Wahrnehmung von Ereignissen oder Rätseln, die unsere Existenz begleiten, auszudrücken. Andere Male schreibe ich, um mich von dem dummen und unerträglichen Aspekten der täglichen Wirklichkeit zu distanzieren.

Ich habe eine fremde Seele: In meiner Stadt oder weit entfernt von ihr, kann ich mich als Beteiligter oder entwurzelt fühlen. In meiner Wahrnehmung der Menschheit beachte ich weder Grenzen noch Vaterländer oder Fahnen. Mein Land ist die Erinnerung, die Familie, die Freunde, die gemeinsamen Welten, und diejenigen, die noch zu teilen sind.