Mittwoch, 28. Dezember 2016

SCHÄTZE

Ich habe den Virus
in Bettlaken gewickelt


die Angst
im Ofen verbrannt


die Neurosen
in der Waschmaschine


die Lügen
befinden sich in Urlaub


meinen Ärger
meditiert


den Zorn
schlafend im Bett


die Ideen
wärmen sich in der Sonne


das Lächeln
schaukelt auf dem Ast



Dienstag, 27. Dezember 2016

ZUFLUCHT

Im Lichtschweif des Mondes
ihre Brust


erschöpfte Einsamkeit
meiner Beklemmung


Zuflucht meiner Zweifel
und meiner Nächte


Ich umarme die Frau
meiner Grösse


in ihren Küssen
betäube ich meine Ängste


in ihrem Haar
erweitert sich mein Horizont



ANATOMIE

Deine Hüften
in Bewegung
sind mein Boot


deine Lippen
wenn sie küssen
das Meer


deine Brust
wenn ich dich erklimme
ein Berg


das Schlagen
deines Herzen
ein Sonnenaufgang


der Blick
deiner Augen
mein Horizont



Montag, 19. Dezember 2016

DIE STADT DER LIEBE

Deine Beine sind
die Alleen


deine Scham
das Ufer


deine Haare
der Wald


deine Brust
der Platz


deine Augen
die Lichter


dein Blut
der Herzschlag


der Stadt
die ich liebe


der Stadt
in der ich wohne



Donnerstag, 15. Dezember 2016

LUFTBLASEN

Goldene Blasen
betrachten mich
unruhig


Eifersüchtig
auf die Zeit
die ich mit dir verbringe


Prickeln begierig

und tauchen
in meinen Bauch ein


Meine Zunge badet

im erfrischenden Schaum
eines blonden Biers


Ich brauche eine heisse Insel
um sie deinen eiskalten Füssen
zu schenken


Mit einem kristallklaren Meer
wo deine Ängste
schwimmen


Und eine strahlende Mittagszeit
um die Blässe meiner Gedichte
zu sonnen.



Sonntag, 4. Dezember 2016



















DIE LIEBENDEN

Er liegt am Strand, lauscht dem Atem der Wellen
empfängt hingebungvoll den Beschuss der Sonnenstrahlen.


Im Schiff nähert sie sich, springt über die Wellen,
mit der seidenen Kadenz, über die Tänzerinnen verfügen,
wie zarte Noten, vom einem Orchester gestreichelt.


Mit einem Teppich aus Schaum
verströmt sie ihre Liebkosungen für dich 

übergibt dir den Geschmack ihrer Ankunft
Du flüsterst eine süsse Melodie auf ihre blassen Poren.


Ihr pochendes Blut zerreisst die Venen,
mischt sich begeistert mit den Luftblasen
legt sich bereit für die Begegnung.


Ihre Füsse betreten den Sand
während sein Körper in ihrer Umarmung schmilzt
mit dem Gähnen der letzten Welle und dem Schlaf der Ebbe.


Dann, unzertrennlich in einer einzigen Silbe „Salz“
werdet ihr ein kostbares Fest der Stille geniessen


WIR SIND

Wir gehören uns und niemandem
ich will und will nicht
Zusammenkommen und Abschied
Zittern der Hand
wir sind blass in der Nacht
Laken und Kissen
Liebe und Lust am Mittag


Vers und leere Seite
Wahrheit und Stille
Erbe und Erfindung
Genie und Unsinn
Herzlichkeit und Gejammer
Vernunft und Wahnsinn
Geist, Knochen und nichts


Von denen, die uns bewundern, die Augen
für diejenigen, die sich an uns erinnern, der Gedanke
von denen, die auf uns warten, das Begehren


Leidenschaft, Magie, Wunder
Schönheit, Sinn, Grund


für die, die uns lieben, das Herz.



SONAMARES

BUCH DER LIEBE

„So viel Zittern der Quellen gibt es in deinem Mund,
wenn ich dich küsse, um mich selbst zu finden.“


Pablo Guerrero
ZIEL

Wie auch immer,
wenn dieses Dilemma für jemand
Spanisch oder nach prähistorischem Wahnsinn klingt
schlage ich eine dynamischere Option vor
die Suche nach einem anderem Ziel:


Wir schliessen uns einem Marathon an!
42195 Meter Mut und Herausforderung!


Bis heute habe ich noch immer
eine ewige und ermüdende Frage:
Warum solch eine Qual?


Wenn obendrein das Ziel
dieses schöne feine Plastikband
der Gewinner längst zerrissen hat.


Ein Fragment eines Flamenco-Liedes sagt:
„Wenn du etwas wünschst, scheint es dir eine ganze Welt zu sein,
wenn du es erreichst, ist es nur Rauch.“



Freitag, 11. November 2016

WEG UND ZIEL

Die Wahrheit kann umständlich und ärgerlich sein.
Das Ziel, hören wir oft und immer wieder, ist der Weg,
ääh..... der Weg?


Der Weg soll Freude machen, aber manche wollen das nicht und
viele können es nicht.
Der Weg kann Tortur, Schulden, schlaflose Nächte bedeuten,
Stress, Verlust des Arbeitplatzes, Verzweiflung und Kreuzigung
sein.


Die Wahl der Wege kann lange und steinig sein.


Der Weg ist wie eine ermüdende Reise mit dem Flugzeug,
die viele vermeiden möchten und gerne einen Privatjet wie Mick
Jager oder Lady Gaga besässen.


Das Ziel bereits in der Hand: das iPhone, um Orte zu
fotografieren, die unsere blossen Augen nicht zu schätzen wissen
und in der Lage zu sein, unseren Urlaub mit jenen zu teilen, die
5000 Kilometer entfernt sind.


Unsere Gesellschaft hat sich in der Frivolität eingerichtet: es gibt
zu viele Menschen, die eine Welt zu geniessen scheinen, in der
Zeit und Distanz nur hinderlich sind. Die Zeit ist eine Mangelware,
eine Ware, die niemand besitzt, die Distanz erfordert unnötige
Reisen – daher die Notwendigkeit eines Privatjets...



Wir leben in einer grotesken Welt, spezialisiert auf die Schaffung
von Wünschen, die so überflüssig wie lächerlich sind.


Aber: „Achtung“, werden viele Leute sagen, „das iPhone.“
„Sei nicht so ein Prediger oder Moralist!
Er oder sie verwendet es nur sehr sparsam!
Und der oder die andere nur sehr selten!
Das machen doch nur die Jugendlichen!“


Ich denke: „Klar, die Jugendlichen!
Die Jugendlichen, das sind immer mehr,
jetzt auch schon diejenigen um 65!“




















DISKREPANZ

Der Verstand ist ein Begriff,
der so verworren wie fehlerhaft ist
und das Herz ein Gerät, so unberechenbar wie wankelmütig.

Schlägt der Verstand eine Gewissheit vor,
ist das Herz nicht einverstanden.
Taucht aus dem Herzen ein Gefühlausbruch auf,
anästhesiert ihn der Verstand.

In dieser Kluft zwischen Erwünschtem und Zufälligem,
dem Rationalen und dem Erstaunlichen, gewinnt manchmal das
Herz...

Blaise Pascal sagte: „Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht
versteht.“

EGO

Das Ego ist ein ähnliches Phänomen wie die Schwankungen des
Aktienmarktes. Wenn die Börse steigt und an einigen Orten dieses
Planeten die Märkte vor Freude springen, bleiben doch weiterhin
Millionen von Menschen arm.
Wenn das Ego unserer Weisheit und unseres Selbstgefallens 
übermässig steigt und es sich auf dem Thron bequem macht, sinkt
– rasant wie ein Meteorit – das Selbstwertgefühl unserer
Mitmenschen. Ein Teil dieser Welt braucht weniger narzisstisches
und mehr ausgewogenes Verhalten.

Das Ego kann auch still werden, meditieren, wandern, Yoga, Tai
Chi oder Pilates machen.
ALTER

Der Knorpel verschleisst sich, die Muskeln werden weicher
gereizte Nerven, schmerzende Knochen
wir vergessen Dinge…


Wir kommen in der Reife des Lebens an
die viele mit dem Alter gleichsetzen.


Das wahre Altsein jedoch ist Sturheit
oder reine zügellose Negativität


wenn wir denken, dass alles gesagt ist
und wir nicht bereit sind, noch etwas zu lernen


hören wir durch eine Art geistigen Abbaus auf
empfänglich zu sein


und in der Folge weigern wir uns
unsere Ansichten zu ändern.


FREIHEIT

Wir verschwenden zu viel Zeit damit, uns zu wiederholen
wie das Läuten der Kirchenglocken
die das Glaubensbekenntnis, das uns stützt, bekräftigen sollen
wie ein persönliches unbewusstes Evangelium
das unsere Vernunft schützt.


Wenn wir noch nicht bereit sind, verbrannt zu werden und
wir danach streben, noch eine Weile auf dieser Welt zu leben
müssen wir uns grosszügig anstrengen.


Gandhi sagte: „Um nicht blind zu werden,
muss man anfangen, nicht taub zu sein“,
zuhören, lernen, empfänglich sein…


Das erfordert eine Technik voller Stoizismus:
„das Erweitern unserer Dimensionen der Freiheit“,
eine herkulische Aufgabe in den Zeiten, in denen wir leben!


Wenn wir unsere Tempelwände verkleinern
und der Langlebigkeit den Durchgang erleichtern wollen,
ist das Thema unvermeidlich:


es gibt weder einen anderen Weg noch ein anderes Leben


NACHHALTIGE KOMMUNIKATION

An jedem Tag, der vergeht, bekennen wir uns, mit der
Gleichmässigkeit eines Mantras, zur Notwendigkeit einer
nachhaltigen Wirtschaft, um den Untergang der Welt zu
vermeiden.


Auch beim sprachlichen Ausdruck brauchen wir ein nachhaltiges
Vorgehen. Weder verfügt die Person, die am meisten spricht, über
grösseres Wissen, noch haben diejenigen, die am lautesten
schreien, mehr Grund dafür als andere.


Die Welt ist müde von unerträglichen Schwätzern und vom
Mangel an Menschen, die bereit sind zuzuhören. So wie der
Glaube das Gebet braucht, brauchen wir eine dialogische
Biodiversität.


Die Sprache ist das Rückgrat unseres Systems und ihre
gleichmütige und interaktive Aufrechterhaltung eine wesentliche
Notwendigkeit. Wir müssen sie von den Knebeln der
Wortschwälle und Anhäufungen befreien.


Die Kommunikation lebt von der Bereitschaft zuzuhören
…deiner und meiner
…von dem, das kommt und dem, das geht
wie die Bewegung einer Schaukel…



















VERBALE INKONTINENZ

Ich weiss, dass du sprechen kannst
ungehemmt wie ein reissender Strom


Anhäufung von Kenntnissen
schmückt deine Geschwätzigkeit


du wiederholst dein Geplapper
mit der Beharrlichkeit eines Papageis


das Trampeln deiner Angst
wurde unbewusste Gewohnheit


und deine gefrässige Beredsamkeit
die Qual deiner Bekannten.


Ich frage dich:


Habst du schon einmal das gurgelnde Wasser
eines Bachs murmeln gehört?


Das Wort anderer, bettelnd um einen schmalen Platz
im Schaukelstuhl deiner Eitelkeit?

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Ich nehme zur Kenntnis, dass du in der Lage bist
bis zur Übersättigung zu sprechen


erzähl mir nicht, was dein überladenes Gehirn denkt
ich ziehe es vor, deinem Herzen zuzuhören


wenn der Herzschlag
seinen Weg in das Dickicht findet.


HEMMUNGSLOSIGKEIT – UNEINIGKEIT – DILEMMA

HEMMUNGSLOSIGKEIT 

UNEINIGKEIT 

DILEMMA

Montag, 29. Februar 2016


KINO 

    Ich geniesse die Gemütlichkeit des Kinos bei der Vorführung nach dem Mittagessen, drei oder vier Zuschauer genügen mir als Begleiter. Die Sitze erholen sich von den aufsässigen Hintern, während es sich im Kino-Saal prächtig durchatmen lässt. In der Regel sind zu dieser Stunde die meisten Leute mit administrativen Schwierigkeiten beschäftigt, mit der Verbesserung ihrer Muskulatur im Fitnessraum oder mit Shoppen im Einkaufsparadies – letzteres ein immer beliebterer Sport.
Wenn die Szene auf der Leinwand nicht einen Hauch Grazie zeigt, gibt es keine Notwendigkeit, unnötiges Lachen zu teilen, das macht schon die Hälfte des Eintrittspreises wett. In dieser Hinsicht beinhalten die Komödien das höchste Risiko. Bei Krimis ziehe ich es vor, wenn ein paar Zuschauer mehr erscheinen.
Wie der geliebte Javier Tomeo sagte: „Wenn du der einzige Zuschauer bist und der Mörder dich findet, lohnt es sich nicht, um Hilfe zu bitten.“ 



SCHATTEN 

    Mein Schatten ist mein Coach. Er erinnert mich ab und zu, dass ich das Fotografieren vor der Überdosis beenden soll, bevor ein „Fotokater“ mich flachlegt. Er tritt dann zwischen meine Netzhaut und das Objektiv, um die Sucht zu bremsen. Mein Schatten steigt mit mir in die Höhe, er zeigt mir die Lebensfähigkeit und die Zerbrechlichkeit der Phantasien, die in mir leben. Er warnt mich, dass ich mich in jedem Moment in einen Riesen, einen Adler, einen Affen oder einen kitzekleinen belanglosen Typen verwandeln kann.
Dem gleichen Schatten gelingt es, mich verschwinden zu lassen, wenn ich ihn langweile. 



TIERWELT 

    Der Mensch und der Esel besitzen eine Ähnlichkeit: die Sturheit. Das ist, wenn das Gehirn kollabiert, sich nichts bewegt und alles stillsteht. Man kann den Willen eines Esels mit Süssigkeiten – z. B. Zucker – wecken, den des Menschen aber nicht. 


MIT MIR 

    Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, mich mit mir selbst zu unterhalten. Ich gehöre zu dieser bestimmten Art von Menschen, die auf der Strasse mit sich selbst sprechen. Wenn ich zu Hause keine Konversationspartner habe oder unterwegs keine finde und ich schon alle notwendigen Anrufe der Woche erledigt habe, rede ich mit meinem Unterbewusstsein. Wir sind auf der gleichen Wellenlänge, wir haben keine Meinungsverschiedenheiten. Einige Tage brauche ich niemanden, der mir die Kastanien aus dem Feuer holt. Der Gedankenaustausch zwischen meinen beiden „Ich“ ist dynamisch, beruhigend und friedlich. Manchmal bekomme ich sogar Lust zu singen,
und ich singe... 


AVOCADO 


    Ich frage meine Avocadopflanze: warum verwelkst du? Was fehlt dir? Mehr Licht, mehr Wärme, mehr Gesellschaft?
Ich habe alles, was ich brauche, antwortet sie. Du behandelst mich zärtlich, bist ein gutherziger Mensch, aber mein Leben ist nicht gemacht, um innerhalb von vier Wänden zu leben, ich bin ein Baum. 




iPHONE 

    Atemberaubender Junge, ein grosser Jongleur bist du! Versuchst zu zeigen, wie gut du mit deinem iPhone umgehen kannst. Du nimmst es mit der linken Hand aus der rechten Hosentasche, um es dann mit zwei Fingern zum linken Ohr zu bringen. Wenn du tatsächlich deine Geschicklichkeit und Unabhängigkeit von diesem Gerät beweisen willst, dann nimm das Gerät fest in die Hand und wirf es hoch und kräftig weit durch die Luft in die Gewässer des Zürichsees – mit der Parabel eines Fussballs vor dem Eintreffen ins Goal.
Das ist das wahrhaftige Benehmen eines Champions! 




WUNDERKIND 

    Der gelehrte Junge prahlte vor dem pummeligen Kind:
Ich habe die Musiktheorie in nur zwei Jahren absolviert, während du so lange gebraucht hast, um nur ein Schuljahr zu bestehen. Meine Eltern werden mich nach London begleiten, sie haben mir ein Stipendium für eine der besten Musikhochschulen genehmigt. Ich werde auf der ganzen Welt spielen können, berühmt werden und Millionär sein. 

Die mollige Junge antwortete:
Hör mal, ich singe im geheimen für das rothaarige Mädchen, das du sehr liebst, das dich aber immer ignoriert und mich endlos anlächelt.
Ich habe viele Prüfungsfragen absichtlich falsch beantwortet: ich sagte, dass Karl der Grosse die USA und Alaska erobert hätte und dass vier mal vier achtzehn wären. Ich bin jetzt der erfahrenste der Klasse, weil ich alles schon weiss. Meine Mitschüler schätzen und bewundern mich.
Ich habe vor, im nächsten Jahr die gleiche Klasse zu wiederholen; so muss ich nie aufhören, die Kindheit zu geniessen.
Ich habe keine Eile, so starr wie deine Eltern und so langweilig wie du zu werden. 


IGEL 

    Ich spreche mit einem Igel im Garten. Nur in ein paar heissen Nächten dieses mageren Schweizer Sommers begegne ich ihm. Ich frage ihn, wie es seiner Familie geht. Er antwortet:
Schau, ihr stellt uns hier eine schöne Ecke zur Verfügung und wir sind dankbar dafür, aber es war nicht genügend Platz für vier. So zogen die Jungen los, um einen anderen Ort zu finden und mein Weibchen konnte den Winter nicht überleben und ist verstorben. Hier in der Nähe wurden zwei weitere Wohnblocks gebaut. Unsere Vorfahren lebten dort, als die Häuser kleiner waren und die Gärten grösser. Wir Igel und andere Tiere werden bald verschwinden müssen, weil ihr immer mehr Platz beansprucht, mehr als euch zusteht. Ihr werdet ebenfalls so enden, dicht gedrängt, aber einsam und verzweifelt, weil eurem Leben jeder Sinn fehlt. 

Ich wusste schon, dass Igel intelligent sind, jetzt bin ich überzeugt, dass sie die durchschnittliche Intelligenz eines Menschen übertreffen. 


TEMPO 20 

    Ich spaziere durch meine Strasse, die Kinder spielen zwischen der Bremsschwelle und dem Brunnen. Ihre Schreie und ihre geladenen Wassergewehre lassen mich vermuten, sie spielen gerade Krieg. Ein Auto nähert sich aus entgegengesetzter Richtung, fährt schnell, ich habe keine Absicht mich zur Seite stellen. Der Kerl hält plötzlich an, öffnet das Fenster und fragt mich – schreiend – ob ich ein Problem habe. Ich antworte: glücklicherweise keins; letzte Nacht schlief ich tief und träumte, ich spaziere mit Sharon Stone durch Manhattan, und weil ich seit langem keinen Arzt aufsuchen musste, habe ich das Fehlen von Schrauben in meinem Kopf noch nicht bemerkt. 

Ich frage den Autofahrer, ob er gemerkt habe, dass hier eine „Begegnungszone“ ist, also eine Strasse, auf der man mit maximal Tempo 20 fahren darf. Er antwortet, dass er das weder wisse noch dass ihn das kümmere – er lügt. Ich erkundige mich bei ihm, ob sich das Autofahren überhaupt lohnt, wenn man nur 20 km/h fahren kann und auch noch bremsen muss. Er könnte die Strecke mit dem Fahrrad oder zu Fuss viel schneller bewältigen. Er fragt mich, ob ich ihn für einen Dummkopf halte. Ich antworte, unbedingt und auch für einen arroganten Zyniker, der glaubt, die Strasse gehöre ausschliesslich ihm, und dass er ein wenig mehr Schlaf benötigen könnte, um über eine bessere Stimmung zu verfügen. 


APOTHEKEN 

    Apotheken waren die ersten Sexshops meiner Generation. Unter dem Franco-Regime war in Spanien Mitte der 70er Jahre Teenagern der Kauf von Kondomen verboten. Wir verlangten sie unter dem Vorwand, sie seien für unseren grossen Bruder. Der Apotheker guckte über die Brille, warf einen raschen Blick zur Türe, um uns dann unter dem Brillenrand anzuschauen, während er uns mit einem komplizenhaften Lächeln die begehrte Schachtel überreichte. Um andere Ausrüstung für pompösere Disziplinen und sexuelles Amüsement zu kaufen, musste man damals über 21 Jahre alt sein und ein gut genährtes Portemonnaie besitzen, dieses ermöglichte die Reise auf die andere Seite unserer besonderen „Berliner Mauer“: die Stadt Perpignan in Frankreich. 




MÜCKE 

    Ich hatte immer das Gefühl, dass die Mücke, abgesehen davon, dass sie eines der aufdringlichsten und nervigsten Insekten ist, einen geringen, ihrer Kleinheit entsprechenden Intelligenzquotienten hat. Ein Zweifel beschäftigt mich: untersucht man ihr Genom, ist es dem des Menschen sehr ähnlich – mit einem bemerkenswerten Unterschied: wir hausen seit 50’000 Jahren hier auf der Erde, aber sie seit mehr als 200 Millionen. 

An diesem schwülen Sommernachmittag umkreist ein hartnäckiger Verdacht mein Gehirn und löst sich nicht: sind sie wirklich klüger als wir? Eine Möglichkeit, die nicht ausgeschlossen werden kann, wenn wir den grossen Anteil der Dummheit unserer Spezies betrachten.
Mücken-Männchen ernähren sich von Pflanzensäften, die Weibchen beissen; sie brauchen das Kohlendioxid und die Milchsäure unseres Schweisses. Und unser Blut, um Eier zu produzieren. Wenn sie unseren Körper beissen, spritzen sie ein Antikoagulant und ein Analgetikum ein, deren Wirkung – leider – nicht lange andauert, eine nette Geste, die aber unseren Ärger nicht besänftigt. 

Auch wenn Mücken zugegebenermassen Schmerzen verursachen: ihre Lebensdauer ist viel geringer als die unsere, ihre Intelligenz aber nicht. 


CHIMÄRE 

    Einige wissen es bereits, die Chimäre ist ein Fabelwesen, das Flammen spuckt; sie hat einen Löwenkopf, einen Ziegenbauch und den Schwanz eines Drachens. 

Die Chimäre liebt es, in den unruhigen und geheimnisvollen Nächten zum Klang nachtwandelnder Kirchenglocken spazieren zu gehen. In jenen Augenblicken, in denen tausende schlafende Seelen ihre Brillianz in der Aura der Träume erkunden. 

Eine Fata Morgana in der Nacht: Splitter des Glücks, die sich nicht von den Wänden des Lebens lösen.

Die hartnäckigsten Träumer werden in einer anderen Nacht versuchen, sie wieder zu holen, nicht entmutigt, aber hoffnungslos. 

Ebenso wie es die Milde tut, verstummt auf dem Gewand der Justizia. 


WOCHE 

Der Sonntag verschwindet so schnell wie eine Tafel Schokolade. Seine Existenz kann so vergänglich sein wie die der Hostie, die sich im Mund des Gläubigen auflöst. 

Die Montage vergehen unbemerkt, die Schuhmacher sind glücklich und die Welt gähnt. 

Dienstag und Mittwoch sind verwechselbar wie Zwillingsbrüder. Der gleiche Katalog für zwei Tage. 

Donnerstag ist das Rätsel der Woche. An jenem Tag kann irgendetwas spriessen: ein Termin mit einem Psychologen, der Zirkusbesuch, eine weitere hoffnungsvolle Verabredung mit einer potenziellen Freundin – annulliert wegen einer inexistenten Erkältung, ein Sturm am Ausgang des Supermarktes oder die Familie, die sich schon wieder zankt. 

Freitag ist der Optimist der Woche: da erscheinen Pläne für das Wochenende, ein wenig Freude bezieht den Kühlschrank und lädt dich ein, Chefs, Mitarbeiter und Spielverderber zu vergessen. 

Samstag ist, unabhängig von der Kontinentallage, in der wir uns befinden, das Nirvana der Woche: entweder verschlingen wir ihn gänzlich – bei Tag und bei Nacht – oder wir kosten ihn langsam und ewig, so wie es Buddha tun würde. 

Am Sonntag kehren die Geschwindigkeit und die Schokolade zurück. Wenn Wahltag ist und wie üblich diese schlechten und hässlichen Individuen gewinnen, die wir uns nie wünschten, sollten wir über eine gute Portion Alkohol und Rauschmittel verfügen. Um den „mentalen Winterschlaf“ unserer schweigenden Mehrheit leichter zu verdauen.




ABSCHIED 

    Nach deiner Abreise hat sich die Stille wieder an den Wänden festgemacht, links ein paar Flecken Blut auf dem Stoff des Sofas. Wenigstens werde ich während dem Mittagschlaf neben deinen Leukozyten liegen. 




DRUCKENTLASTUNG 

Ein Herzschlag explodiert
der Sturm ist geboren, er schreit: Steh auf!
Strecke die Arme durch die Windung eines Wunsches

zerschmettere die Worte an der Klippe der Träume
lebe diesen Tag wie eine neue Welle es tut,
                                                               verschlinge den Sand! 

Dein aprikosenartiges Lächeln rutscht über deine nackte Haut,
zögere nicht, dein Schicksal wartet am Rand des Wassers,
                                                                                          tauch ein! 


UNTERGESCHOSS 

    Eine linke Socke erzählt der rechten: Hör mal, was ich dir als nächstes sagen werde, ist hart, und ich werde dir damit weh tun. Nach der nächsten Wäsche möchte ich verschwinden und nicht mehr zum Schrank zurückkommen. Ich bin erschöpft, zu viele Jahre lang musste ich Gewicht, Kratzen, Feuchtigkeit und Gerüche erdulden. In all dieser Zeit haben wir keine Geste des Dankes erhalten. Nur an einigen Sommernachmittagen wurden wir an der Sonne auf dem Balkon aufgehängt. Ich bin mir bewusst, dass ich dich allein lasse und dass es in diesem Alter sehr schwierig ist, einen neuen Partner zu finden. Ich möchte, dass du weisst, dass ich sehr dankbar bin, dass wir zusammenleben konnten. Ich genoss all die guten Momente des Glücks an deiner Seite und es ist sehr angenehm, mit dir zu schlafen. Aber ich kann es nicht mehr ausstehen, diese Füsse sind zu anstrengend und undankbar. 


MATHEMATIK 

    Es gab eine Zeit, da konnte ich keine Tauben ertragen. Dass diese Tierart als Symbol des Friedens gilt, auch für angesehene Künstler wie Pablo Picasso, schien mir wie fauler Moder. Mit der Zeit nahm die Abneigung ab. Als ich den wahllosen und räuberischen Instinkt der Möwen und das quälende Krächzen der Elstern entdeckte, nahm mein Leben eine Wende um 180 Grad. Jetzt nisten im Garten ein paar Türkentauben. Jeden Nachmittag flattern sie herunter bis zur Mitte des Holunderbaums und wir begrüssen uns mit Freude, fast mit Hingabe. Ich habe eine neue Freundschaft gewonnen, dafür nun aber zwei neue Feinde. Die Mathematik geht nie ganz auf, es steckt immer ein Wurm drin. 


WIR

Wir
die durch die vielen Strassen schlendern

die Dutzende von Türen öffnen
Hunderte von Stufen rauf und runter gehen

Tausenden von Menschen begegnen
legen unsere Köpfe auf Kissen
und ruhen viel zu oft alleine aus
gehen alleine und kommen alleine zurück 


Wir
einfache Wesen, aufgeregte, sanfte, expansive Einsiedler,

die leise Gespräche mit der Einsamkeit führen
während wir die Wäsche aufhängen 



GEGENSTÄNDE 

    Ein Paar Handschuhe sieht sich an, nachdem es viele Finger angezogen und viele Körper umarmt hat. Die Mützen, oben auf dem Schrank untergebracht, wärmen sich gegenseitig auf, nachdem sie niedrige Temperaturen ertragen mussten. Jacken hängen an Kleiderbügeln, sie entspannen sich von den kräftigen Schultern und breiten Rücken. Die Kopfkissen machen gemeinsam ein Nickerchen, sie umsorgen sich nach dem Sturm der Träume. 


HAMMAN 

    Ich liege im Hamman und höre gegen meinen Willen das irritierende Geschwätz eines Paares Mitte dreissig. Ich stehe auf, suche eine ruhige Ecke, um meine Füsse in ein Becken zu legen. Ein neues Kakadu-Paar flattert nah um meine Ohren.
Mit Menschen, die immer brennend begeistert sind, kann sich ein Hamman – wie ein Planschbecken im Hochsommer – in eine echte Qual verwandeln. 


ZWIETRACHT 

    Sie kommt aufgeregt, stolpernd. Er sitzt schon da, mit einem Drink vor sich auf dem Tisch, schlägt nervös die Spitze seines rechten Schuhs auf den Boden. Sie tauschen ein paar Worte aus, spielen ein wenig hysterisches Theater, mitten im Strudel knallen ein paar Schreie gegen die Wände. Beide stehen auf und gehen in entgegengesetzte Richtungen. Sie haben nichts gelöst. Sie werden sich in einer Woche in der gleichen Cafeteria treffen, beide hinter ihrem Handy verbarrikadiert. Die Trennung kommt näher. 





PARADIESE 

    Manchmal träumen wir von idyllischen und andersartigen Orten, fern, ruhig, mit anderem Lebensstil. Aber die Paradiese existieren längst nicht mehr. Nicht weil Eva in den Apfel gebissen hat und wir alle aus Eden verbannt wurden, sondern weil eine Bande von organisierten Verbrechern alles beherrscht – Holdings, Trusts, Finanzinstitute, Finanzinstitutionen, Grosskonzerne, Versicherungen... – sie haben alles gestohlen. 


SMARTPHONE 

    Dein Smartphone manipuliert dich, so wie ein Forscher es mit einer Maus im Labor tut, auch wenn es dir gegenteilig scheint. Du schaltest es nach Belieben ein und aus und glaubst, mit dieser unmerklichen digitalen Bewegung Leben zu geben oder zu nehmen. Wenn du annimmst, letzteres getan zu haben, irrst du. Sein Herz schlägt schläfrig weiter, es weiss, dass du bald wieder eine Verbindung herstellen wirst. 


ECKEN
    
    Ich sah sie abbiegen. Rannte zu ihr, sie war aber nicht mehr dort. Sie hatte sich um weitere 50 Meter verschoben. Ich machte einen zweiten Versuch, ich lief ihr nach, das Gleiche geschah. Obwohl sie gelegentlich einige Überraschungen bescheren: den Ecken nachzulaufen ist ziemlich langweilig. 





KURZGESCHICHTEN 

DAS LEBEN IN 24 ANEKDOTEN 

Donnerstag, 7. Januar 2016


REISE 4 

Es kommt das Boot
mit einer neuen Welle,
bringt salzige Träume
von Muscheln 

Die Welle geht zurück
mit neuem Leben
Meer der Hoffnung
weite Seele 

Es kommt das Leben
mit einer neuen Liebe
lächelndes Herz
Hafen der Sonne 

Die Liebe geht zurück
in der Dämmerung
sie küsst deine Küsse
und streichelt deine Seele.
 



REISE 3 

Die Sonne
ist der Ausgangspunkt

der Reise 

der Wald
das Gewebe
das sie schmückt 


der Weg
das Schauspiel

ihrer Route 

Die Müdigkeit
die abschliessende

Belohnung. 



REISE 2 

Die Landschaft verliert ihre Rauheit
und zeigt ihr Relief 

Die Kupfertextur ihrer Haut
schreibt ein Gedicht
zeichnet suggestive Silhouetten

hoch über den Hügeln
projiziert prachvolle Schatten
auf die Ebene. 

Irgendwo, abgelegen aber nicht zu weit entfernt,
Beobachtet sie gelassen die Parade der Tage
mit dem Surren eines Radios, oben
auf der Fensterbank eines unvergänglichen alten Hauses

wartet eine Seele auf die Chance, dich zu treffen. 

Mittwoch, 6. Januar 2016


VIVIRÉ – ICH WERDE LEBEN – (Patagonien) 

Rechts der Nationalstrasse 40
in Richtung Süden
am Nabel des Piltriquitrón angelehnt
diesem Mutterberg, der niemals blinzelt
rauschen die Wässer zwischen Puelo und Epuyén
1

 das Haupt des Indio2 blickt nachdenklich
zum Herzen der Andenkette empor. 


















Ich liege im Dickicht goldener Zypressen
im dichten Grasland einer Finca weich gebettet
und höre die kleinen Bäche rhythmisch pochen.
Der Kiebitz gleitet elegant über das Wasser
unter dem Himmel der Blütenblätter des Pataguas
3
und dem prächtigen Regenbogen des Weisshals-Ibisses. 


Der Palo Santo4 schiebt ein Alfajor5 in den Gaumen
Ich frühstücke „Poetische Patagonische Aktion“:
„Manchmal küsse ich deinen Verstand
manchmal verstehe ich dich nicht“. 


Das Leben schmilzt wie das reine Eis des Schlaraffenlandes.



















Dort, wo ich mich an einen Wegweiser klammere
wie in einem Tango, verkünde ich:
„es war eine Liebe, dich zu besuchen, mein Vergnügen“. 


PS: Für Viviana Re, ihr Sein und Leben.
Für die grossartigen Mauer-Inschriften der „Acción Poetica“

und für „Jauja“ – die beste Eisdiele Argentiniens. 




















1 Epuyén und Puelo: Seen in El Bolsón
2 Haupt des Indio: berühmte Felsen in El Bolsón 3 Pataguas: Strauch
4 Palo Santo: Holzlöffel
5 Alfajor: typisches argentinisches Gebäck


REISE 

Es gibt einen entfernten Auftakt
der auf Bewegung wartet 

der Staub zum Weg zusammenstückelt
die Fahrt von den Plänen befreit 

die Reise wartet gleichmütig
auf deine Entdeckung. 



PENISFINSTERNIS 

– Ein Einfall am Strand von Monte Hermoso, Argentinien – 

Sie ereignet sich beim Mann, wenn er den Blick nach unten senkt und den Oberkörper nach vorn kippt. Auf den ersten Blick sieht man nur nur einen Hängebauch. Diese Truhe, in der viele Männer ihre geheimen Schätze aufbewahren: Würste und Fässer voller Bier. Dieses Kissen, das Frauen gerne für ein Nickerchen am Strand benutzen. Das beliebteste Möbelstück des Hauses: eine Art Sofa vor dem Fernseher. 

Versenkt zwischen den Fettpolstern, könnte, wie eine verloren gegangene und wiedergefundene Socke, der Penis erscheinen, wie die Imitation eines Werkes von Gaudí, das die männliche Wohnung schmückt. 



FERDINAND ON LINE

    Er liebte Computer. Alle Modelle, alle Farben, alle Grössen. Da war sein Leben, seine Arbeit, die Tanzfläche, Sex mit seinen digitalen Stars, Kino, Shop, Sportplatz, Familie, Freunde und Feinde. Da hatte er alles und jeden. Er brauchte nur zwanzig Minuten pro Tag, um mit den Hunden spazieren zu gehen – sein schmales Budget reichte nicht für den Hundesitter. 

Das Telefon klingelte, es war seine Freundin Claudia, sie wollte zum x-ten Mal die Vorbereitungen für den Urlaub in Brasilien besprechen. Abgelegene und wilde Strände weit ab der Zivilisation, schöne Hütten, niemand, nichts, ohne Flying-Pizza und ohne Internet. Nur Caipirinha und Bananen. Ein „Fünf-Sterne- Film“. 

Er hat sich standhaft geweigert, rundum und kategorisch, so wie die schöne Silhouete von 115 Kilos seiner somatischen Faszination. Er hat ihr gesagt, dass er glücklich sei in dieser einen Dimension und dass er keine andere entdecken wolle.
Ausserhalb des Internets? Unmöglich!