Montag, 29. Februar 2016


TEMPO 20 

    Ich spaziere durch meine Strasse, die Kinder spielen zwischen der Bremsschwelle und dem Brunnen. Ihre Schreie und ihre geladenen Wassergewehre lassen mich vermuten, sie spielen gerade Krieg. Ein Auto nähert sich aus entgegengesetzter Richtung, fährt schnell, ich habe keine Absicht mich zur Seite stellen. Der Kerl hält plötzlich an, öffnet das Fenster und fragt mich – schreiend – ob ich ein Problem habe. Ich antworte: glücklicherweise keins; letzte Nacht schlief ich tief und träumte, ich spaziere mit Sharon Stone durch Manhattan, und weil ich seit langem keinen Arzt aufsuchen musste, habe ich das Fehlen von Schrauben in meinem Kopf noch nicht bemerkt. 

Ich frage den Autofahrer, ob er gemerkt habe, dass hier eine „Begegnungszone“ ist, also eine Strasse, auf der man mit maximal Tempo 20 fahren darf. Er antwortet, dass er das weder wisse noch dass ihn das kümmere – er lügt. Ich erkundige mich bei ihm, ob sich das Autofahren überhaupt lohnt, wenn man nur 20 km/h fahren kann und auch noch bremsen muss. Er könnte die Strecke mit dem Fahrrad oder zu Fuss viel schneller bewältigen. Er fragt mich, ob ich ihn für einen Dummkopf halte. Ich antworte, unbedingt und auch für einen arroganten Zyniker, der glaubt, die Strasse gehöre ausschliesslich ihm, und dass er ein wenig mehr Schlaf benötigen könnte, um über eine bessere Stimmung zu verfügen. 

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