Donnerstag, 12. Januar 2017

SPROSS
 

Wir sind die Folge einer Liebesgeschichte
zufälliger Extrakt zweier Leben
Synthese verflochtener Körper



ORT

Wir alle sind die Intonation eines Verses
Erweiterung, Bühne und Dekoration einer Geschichte
 

Wir sind im Flimmern des Zwischenraums der Silben
abhängig vom Saatgut, dem Wind und den Umständen
 

Der Vers verwandelt uns
ins Innere oder in die Oberfläche eines Gedichtes
Ort des Zusammenfliessens, der Trennung oder der Aussicht



JAHR DES SCHWEINS

Dieses Jahr wird Vitalität und neue Winde bringen:
Gefühle, die den berauschenden Duft der Liebe atmen


die Geschicklichkeit der Kalligraphien unserer Wüsten
Tränen im Lachen, Salz in der Träne, Geschmack in der Stille


erschrockene Panik, verdampfte Zweifel, nackte Angst
mit der selben Leichtigkeit einer Striptease-Tänzerin


des Rätsels Entdeckung, der gestorbene Tod
das wahre Leben


es wird ein weises und goldenes Jahr
so wie das Herz des Schweins



Donnerstag, 5. Januar 2017

LÄNDLICHES BILD

Der Baumstamm weicht nie zurück
er hält seine wellenförmigen Äste wie Ellbogen
die seine Handgelenke schützen


Die Zweige halten ihre Frucht in der Luft
wie ein Kind, das am kleinen Finger seiner Mutter hängt
kurz vor den ersten Schritten des Lebens


Währenddem giesst der Regen sein Gebet auf den Löwenzahn der
wie abwesend in einer Ecke des Gartens sitzt, unbeachtet
den Heiligenschein des Himmels betrachtet, unerschütterlich


Auf der anderen Seite der Wiese
wartet wie eine Statue am Rand eines Loches
die Katze in unendlicher Geduld
auf das Auftauchen der Maus



Sonntag, 1. Januar 2017

BRUDER

     Ich spazierte auf dem Weg, der zur kleinen Kapelle führte,
genauso wie vor fast einem halben Jahrhundert, als wir
Heuschrecken jagten und uns in einigen Augenblicken wie die
Besitzer des Universums fühlten, mit dieser Dimension von
glückseliger Unschuld und Exklusivität, die die Kindheit gewährt.
Ich wandte den Blick in die Ferne und sah deine Asche fliegen 
–über die gleiche Wiese, auf der wir dir den letzten Abschied gaben
– im selben Augenblick wirbelte ein Kind seine Arme wie die
Flügel einer Windmühle hoch, das Spiel landete
schwindelerregend in meinen Gedanken, die in der ausgedehnten
Weite der Erinnerungen versunken waren. Ich konnte noch immer
einige Heuschrecken sehen, und die Pferde, die Schlehen, die
Brombeeren, die grossen, flachen Steine, die die Umgebung
verschönerten. Die Felsen im Hintergrund auf dem Rücken des
Berges betrachteten die Siesta der Wolken, dieselben Wolken, die
wir damals liebkosen konnten. Ich suchte die fünf Céntimos
Pesetenmünze, die du einmal auf den Boden geworfen hattest, aber
ich fand sie nicht.

Ich konnte die Zeit für ein paar Sekunden anhalten. Alles war wie
immer: die Kühe sind auf der Weide eingezäunt, das üppige Grün
der Bäume verziert die Landschaft, sanft schaukelnde Blätter
besingen den Nachmittag. Die Sonne liegt im Badeanzug auf der
Wiese. Der Himmel ist, wie üblich in Gedanken vertieft. Und das
Dorf hinten, schlafend zwischen den Eschen, wartet auf unsere
Ankunft.